Schnitze Dein Leben aus dem Holz, das Du hast
Heute geht es um ein Zitat eines sehr bekannten und großen Denkers und Schriftstellers, nämlich Leo Tolstoi. Er hinterließ uns eine Weisheit, mit der ich mich heute beschäftigen möchte:
Schnitze das Leben aus dem Holz, das Du hast.
Schnitze das Leben aus dem Holz, das Du hast. Als erstes fällt auf, dass es sich hier klar erkennbar um ein Bild handelt. Warum ist mir das wichtig? Weil es viele Weisheiten und andere Zitate gibt, die direkt und vollkommen frei von Metaphern die unmittelbare Bedeutung der verwendeten Worte in den Vordergrund stellen und mit ihnen arbeiten. Wie zum Beispiel: „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer der, der er schon war.“ Ein Spruch, der ohne Bild, ohne Metapher auskommt. In einer anderen Folge meines Podcasts habe ich mich übrigens mit diesem Spruch beschäftigt. Hören Sie doch mal rein.
Nun, in dem heutigen Spruch wird ein Bild verwendet. „Schnitze das Leben aus dem Holz, das Du hast.“ Warum finde ich das so bedeutend und reite darauf herum? Nun, dieses Bild lädt mich ein, auf eine ausgedehnte Gedankenreise zu gehen. Vor mir liegt ein langer Pfad an Erkenntnissen, Assoziationen und gedanklichen Verknüpfungen, so dass ich sagen kann: Dieses Bild ist sehr tiefgründig.
Warum?
Das Leben kann nicht geschnitzt werden, denn es ist nicht aus Holz. Also bin ich gedanklich erst einmal nicht beim Leben an sich, sondern tatsächlich mitten in dem verwendeten Bild. Ich sehe vor mir ein Stück Holz, und in meiner Hand ein Werkzeug. Und ich sehe mich, wie ich dieses Stück Holz bearbeite. Erst in einem späteren gedanklichen Prozess werde ich das Bild und die damit verbundenen Aspekte und Erkenntnisse auf das Leben übertragen und den eigentlichen Wert aus dem Zitat ziehen können.
Soviel zu den einleitenden Gedanken. Ich möchte mich jetzt mit dem Inhalt des Zitats beschäftigen, und was ich daraus ziehen kann.
Für mich beinhaltet dieser Spruch zwei ganz wesentliche Aspekte. Erstens: Schnitze. Dein Leben soll ein Kunstwerk sein, eine eigene Kreation, ein eigenes Werk. Und damit es das wird, musst Du schnitzen. Du musst Hand anlegen, Du musst aktiv werden. Du musst das Stück Holz, das Dein Leben ist, bearbeiten, formen und nach Deinen Wünschen und Vorstellungen gestalten. Also schnitze! Wenn Du es nicht tust, dann wird es nicht Dein Leben sein. Es wird immer das rohe Stück Holz bleiben, das es am Anfang war.
Der zweite Aspekt: Schiele nicht auf das Holz Deines Nachbarn, oder das eines entfernten Vorbildes. Schon gar nicht auf das Holz irgendwelcher Prominenten. Schau auf Dein eigenes Holz. Beschäftige Dich doch mal mit der Frage, was das für Holz ist.
Ich habe in der Einleitung von einer Gedankenreise gesprochen. An dieser Stelle kommt mir ein weiterer Gedanke, der diese Reise zum Leben erweckt und sie so spannend macht. Nämlich tatsächlich die Frage: Welcher Baum hat mir mein Holz geschenkt? Wo stand dieser Baum? Wie hat er gelebt? Wie alt war er? Was hat er im Laufe seines Lebens und Wachsens gesehen? Und – warum hat er sein Leben gelassen? Damit ich daraus das meine schnitzen kann? Das sind natürlich alles nur Metaphern. Übersetzt könnte ich fragen: Was sind meine Rahmenbedingungen? Welche Fähigkeiten habe ich heute? Wer hat mich geprägt? Welchen vielleicht sehr widrigen Umständen muss ich mich beugen? Welches Potenzial zur Veränderung habe ich? Und welches habe ich momentan nicht? Und derlei Fragen mehr.
Ich bin hier gedanklich beispielsweise bei der Corona-Krise. Vollkommen unabhängig von der Herkunft des Virus, oder der Frage, welche Maßnahmen nun gerechtfertigt waren bzw. sind und welche nicht, also unabhängig von der Frage, wie ich über all das denke – Fakt ist: Diese Zeit ist eine Zeit der Krise. Meine Rahmenbedingungen haben sich sehr kurzfristig und vor allem sehr unerwartet massiv verändert. Ich kann selbst ein Lied davon singen. Eineinhalb Jahre intensive Aus- und Fortbildungen im Online-Format, unter ziemlich schweren Bedingungen. Die Vereinbarkeit von Beruf, Ausbildung und dem Familienleben mit 3 Kindern (teilweise im Lockdown oder im so genannten von vorne bis hinten sinnfreien Home-Schooling) hat mich an den Rand meiner Kräfte gebracht. Die Zeit ist hart. Aber das ist nun mal im Moment mein Holz. Nur aus diesem Holz kann ich mein Leben derzeit schnitzen. Also schnitze ich.
Eine kleine Anmerkung: Ich erwähne dieses explizite Beispiel aus MEINEM Leben deshalb, weil es gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass die Corona-Maßnahmen auch Deine Rahmenbedingungen in der einen oder anderen Form vielleicht irgendwie verändert haben. Oder zumindest, dass Du jemanden kennst, dem es so ging. Dem einen oder anderen mag es vielleicht auch tröstlich erscheinen, dass momentan sehr viele Menschen in einer Krise stecken, und dass wir wenn man so will, alle in einem ähnlichen Boot sitzen.
Schnitze Dein Leben aus dem Holz, das Du hast! Das bedeutet nicht, dass es immer bei diesem Holz bleiben muss. Vielleicht kannst Du Dir im Laufe Deines Lebens anderes, neues Holz erschließen. Dann hast Du mehr Holz, anderes Holz. Aber all das wird immer DEIN Holz sein.
Für bestimmte Holzarten brauche ich bestimmte Werkzeuge und Techniken, sowie bestimmte Erfahrung im Umgang und in der Bearbeitung dieses Holzes. Jedes Holz ist anders. Auf das Leben übertragen heißt das: Konzentriere Dich darauf, Dein Holz kennen zu lernen, also Dich selbst und Dein Leben. Was bedeutet das – ich soll mein Leben kennenlernen? Nun, damit meine ich nicht die bloße Erinnerung an Ereignisse und Etappen der eigenen Biografie, sondern das Verständnis dafür, warum gewisse Dinge sich so oder so entwickelt haben. Oder entwickelt haben könnten. Anders ausgedrückt: Lerne Dich selbst kennen. Auch Deine eigene Persönlichkeit, Deine Erfahrungen aus der frühen Kindheit, aus denen tief sitzende Glaubenssätze erwachsen sind, all das ist – Dein Holz!
Optimiere Deine "Techniken" des Schnitzens und sammle Erfahrung. Werde ein Team mit Deinem Holz. Nur dann kannst Du faszinierende Ergebnisse erzielen...
Übrigens betrachte ich gute Persönlichkeitsseminare oder -trainings, sowie psychologische oder systemische Coachings als exzellente Möglichkeit, die eigenen Fertigkeiten des Schnitzens zu erweitern und zu optimieren. Denn hierbei geht es genau um Persönlichkeitsentwicklung.
Wenn ich mich persönlich weiterentwickle, wenn ich den Kontakt zu mir selbst und beispielsweise meinen unbewussten Vorannahmen oder Glaubenssätzen verbessere und im Anschluss meine Aktions- und Reaktionsmuster reflektiere und verändere, indem ich beispielsweise Verhaltensweisen oder Glaubenssätze, die mir bisher im Weg standen aufbreche und mich von ihnen löse, und sie durch andere, geeignetere ersetze – was habe ich dann getan? Ich würde meinen, ich verändere die Eigenschaften meines Holzes. Vielleicht war mein Holz bisher hart und ist nun weicher geworden. Vielleicht lässt es sich dadurch schlichtweg besser und leichter schnitzen?
Interessant finde ich an dieser Stelle auch eine Option, nämlich die, den Spruch einfach auf ein anderes Material und ein anderes Formgebungsverfahren zu übertragen. Nehmen wir Plastik oder Glas oder Metall. Irgendein Material, das man gießen kann. Würde jenes Bild für die beabsichtigte Wirkung noch funktionieren? Ich meine, nein. Denn wenn ich etwas gieße, dann benötige ich dafür – eine Form. Eine Form, die bereits besteht. Das Material, das ich dort hineingieße, nimmt deren Form an. Demnach würde mein Leben erstens nicht durch einen andauernden Prozess entstehen, durch eine immer weitere Verfeinerung und Ausmodellierung, die auch spontanen Wendungen folgen kann, sondern schlichtweg durch das Gießen und das anschließende Erkalten und Aushärten des Materials. Und das Wichtigste ist: Mein Leben wäre ganz banal gesagt: Eine Kopie.
Ein für mich recht ernüchternder Gedanke! Also kehre ich wieder zum Bild des Schnitzens zurück.
Schnitze Dein Leben aus dem Holz, das Du hast. Nun habe ich bisher die Haltung wiedergegeben, dass wir unser Leben nach eigenen Vorlieben selbst und frei gestalten können und sollen.
Das möchte ich gerne differenzieren. Denn der Spruch bedeutet ja auch, dass manche Dinge vielleicht nicht möglich sind. Dies ist für mich ein Kerngedanke dieses Spruches. Manch anderer verfügt vielleicht über ein ganz bestimmtes Holz, das leichter zu bearbeiten ist? Oder schöner ist? Oder beständiger? Vielleicht hat der oder die Eine oder Andere einfach besseres Holz? Nun, was bedeutet schon „besseres Holz“? Solche Einschätzungen, solche Attributionen, also auch die Einteilung in Gut oder Schlecht sind immer situativ und systemisch zu betrachten, also unter Einbeziehung meiner derzeitigen Lage, meiner Emotionen, Erfahrungen, meines systemischen Rahmens, etc. Oder anders gesagt: Was gut oder schlecht ist, ist eine vollkommen subjektive Einschätzung und keinesfalls eine in Stein gemeißelte Wahrheit.
Aber nehmen wir an, ich sehe das Holz eines Anderen und betrachte es als besser.
Dann muss ich das akzeptieren. Vielleicht kann ich aufgrund bestimmter derzeitiger Rahmenbedingungen oder den Grenzen meiner eigenen Fähigkeiten oder Eigenschaften bestimmte Dinge nicht tun oder erreichen oder aufgrund meines Lebensalters vielleicht nicht mehr erreichen. Das kann doch sein. Vielleicht habe ich einen guten Job, den ich nicht aufgeben möchte, der mich aber an eine bestimmte Stadt bindet. Dann wird es mit dem Bootsverleih an der Costa del Sol etwas schwierig.
Welche Rahmenbedingungen hast Du gerade? Welche sind förderlich? Und welche sind vielleicht hinderlich? Welche lassen Sie das Erreichen bestimmter Ziele vielleicht für immer oder vielleicht nur momentan als unmöglich erscheinen? All das ist Dein Holz. Schnitze Dein Leben aus dem Holz, das Du hast. Plump könnte man es so formulieren: Mach das Beste draus.
An dieser Stelle möchte ich mich klar von der Grundannahme distanzieren, wir würden im Rahmen unserer Möglichkeiten feststecken. Das Gegenteil ist der Fall! Wir können viel mehr erreichen, als uns oft bewusst ist. Die Grenzen unserer Möglichkeiten sind viel ferner gesteckt als wir ahnen. Und sie sind erweiterbar, verschiebbar. Unser inneres Potenzial ist immens! Wir können über uns hinauswachsen, und oft können wir (wenn wir erschwerliche Rahmenbedingungen haben) die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, die richtigen Menschen treffen, uns weiterbilden, hart an einer Sache arbeiten, uns persönlich weiterentwickeln, Weisheit erlangen - all das und noch mehr!
Dennoch müssen wir manchmal der Realität ins Auge sehen und akzeptieren: Nüchtern und sachlich betrachtet gehen manche Dinge einfach nicht.
Vielleicht kann ich kein Popstar werden oder ein Tennis-Profi oder ein Bankdirektor. Oder vielleicht kann ich nicht die Welt umsegeln, den Himalaya erklimmen oder was auch immer für den Einen oder Anderen spannend und faszinierend im Leben sein kann.
Aber ich kann mein Leben zu etwas Wunderbarem, Einzigartigem machen. Ich bin der Schöpfer meines Lebens. Nur ich. Aber ich muss mein Leben selbst gestalten. Am Beispiel des Bootsverleihs: Ich kann den Job hier aufgeben, der meinem weiteren Leben an der Costa Del Sol im Wege steht. Vielleicht kann ich beides parallel stemmen. Wie auch immer, es ist doch meine eigene Entscheidung. Und wenn ich mich im Leben für das eine oder gegen das Andere entscheide, was tue ich dann? Sie ahnen es: Ich schnitze mein Leben.
Also: Schnitze Dein Leben aus dem Holz, das Du hast. Was anderes bleibt Dir nicht übrig. Und wenn Dir Dein Holz nicht reicht, dann versuche, Dein Holz zu erweitern durch Fortbildungen, wenn es um den Beruf geht. Durch Persönlichkeitsentwicklung. Durch Entscheidungen. Oder durch das Schaffen anderer Rahmenbedingungen. Was auch immer zu Deiner Lebensplanung gehört, oder was auch immer Grundlage und Voraussetzung für Veränderungen sein kann.
Schnitze!
Hast Du einmal einem Menschen beim Schnitzen zugeschaut? Ich meine damit nicht das Anspitzen eines Astes, der am Wegesrand lag. Ich meine solche Schnitzereien, bei denen aus großen Baumstamm-Stücken in akribischer und langwieriger Feinstarbeit wahre Kunstwerke geschaffen werden.
Wie gehen diese Menschen vor? Nun, die im Relief tiefer liegenden Partien können logischerweise nicht zu Anfang gestaltet werden. Man arbeitet sich von außen nach innen vor. Das bedeutet, die Gestaltung ist ein Prozess. Und zwar ein Prozess, der immer wieder neu gedacht und verändert werden kann. Selbst wenn das Kunstwerk fertig zu sein scheint, kann ich an der einen oder anderen Stelle weiter verfeinern und perfektionieren.
Ein Stück Holz, das geschnitzt wird, ist niemals fertig. Aber: Es verlangt vielleicht danach, dass angefangen wird.
Also schnitze! Schnitze das Leben aus dem Holz, das Du hast.